Schon beim Informieren über das angestrebte Wunschstudienfach Medizin fällt es den meisten von uns ins Auge: das Krankenpflegepraktikum, das bis zum Physikum abgeleistet werden muss. Daraufhin treten sofort Fragen auf. Komme ich mit der Pflege klar? Und mit den Ausscheidungen? Alte Menschen waschen oder sogar verwahrloste Obdachlose? Diese Fragen tauchen immer wieder in den Gedanken auf, vor allem am ersten Tag des besagten Praktikums. Das Abi frisch in der Tasche, um den Studienplatz bangt man noch, wird die erste Hürde genommen. Ich fand mich also an einem Julitag frisch aus dem Urlaub heimgekehrt im Krankenhaus auf einer chirurgischen Station ein, 8 Uhr morgens, mit einer ungeahnten Angst vor dem Unbekannten, die mich eigentlich durch den ganzen Tag begleitete.
Die weiße Arbeitskleidung war schnell für mich gefunden, beim Blick in den Spiegel wurde mir einfach nur komisch: Werde ich das wirklich hinbekommen? Der Arbeitstag begann für mich. Kaum angefangen, hatte ich auch schon meine Hände an einem Bett und fuhr damit samt Patient und einer Schwester in den OP. Im Vorbeihuschen mal einen Arzt gesehen, der sich hektisch irgendwohin bewegte. Unten angekommen, Aufgabe erledigt, ab wieder hoch. Inzwischen war eine andere Praktikantin aufgetaucht und ich fühlte mich erleichtert. Wenigstens war ich nicht die einzige, die nicht Bescheid weiß. Gemeinsam mit einer Krankenpflegeschülerin gings dann ab zum Messen: Blutdruck, Temperatur und Puls. Leichter gesagt als getan für mich. Nicht jeder Puls wurde von mir gefunden und beim Blutdruckmessen mit dem Stethoskop hörte ich das beschriebene Klopfen eigentlich fast nie. "Es ist ja erst der erste Tag. Ich habe auch eine Woche gebraucht", beruhigte mich die Schülerin. Der anderen Praktikantin ist es eigentlich auch nicht besser ergangen, was mich ebenfalls beruhigte, da sich schon Gedanken der absoluten Talentfreiheit in mir breitmachten. Der restliche erste Tag ging dann mit Warten, auf die Klingel laufen und Mittagessen austeilen rum. Insgesamt also sehr erträglich, wenn nicht sogar angenehm. Am nächsten Tag sollte ich dann Spätschicht haben, was mich ungemein freute ... erst um 13.30 Uhr da sein? Super, ausschlafen!
Mit der Unterstützung eines hilfsbereiten Krankenpflegeschülers lernte ich das Blutdruckmessen dann doch im Laufe von ein paar Tagen und kein Puls blieb versteckt vor mir. Die alltägliche Frage "Hatten Sie gestern Stuhlgang?" ist mir beinahe in Fleisch und Blut übergegangen und kein peinlich berührtes Grinsen macht sich mehr auf meinem Gesicht breit. Auch der Umgang mit Ausscheidungen wurde einfacher. Klar, ein gewisses unangenehmes Gefühl bleibt, aber es wurde allmählich normal für mich. Beim nächsten Blick auf den Dienstplan blieb mir dann jedoch fast die Luft weg: neun Frühschichten am Stück! Wie sollte ich das denn aushalten? Dazu kam dann wieder die Angst vor dem Waschen von Patienten in mir hoch, denn davor bin ich die erste Woche verschont geblieben. Aber auch das stellte sich als gar nicht so schlimm heraus. Bei der Übergabe morgens um sechs Uhr hatte ich Zeit zum Wachwerden, danach gings ab zum Waschen. Die anfängliche Zaghaftigkeit meinerseits verschwand rasch, als ich sah, dass die Patienten das ebenfalls als recht unangenehm empfanden, aber nunmal auf mich angewiesen waren. Die Frühschicht stellte sich als stressiger heraus als die vorangegangenen Spätschichten. Dort hatte ich zwar auch fast immer etwas zu tun, aber ich konnte mir Zeit dafür lassen. In der Frühschicht musste ich mich allerdings an einen recht straffen Zeitplan halten. Doch auch das war nach einer Eingewöhnungsphase kein Problem mehr für mich.
Messen durfte ich vollkommen selbstständig und auch Blutzucker messen wurde mir bald beigebracht, sodass ich eine Aufgabe mehr übernehmen konnte. Es vergingen schnell vier Wochen des Praktikums, wobei die Aufgaben stets dieselben geblieben sind, sodass ich mir meine eigene Routine angewöhnen konnte. Nach einer gewissen Zeit sehnte ich mich dann nach weiteren Aufgaben, aber das war nicht möglich. "Versicherungsprobleme" verboten mir jeglichen Umgang mit Infusionen, weder wechseln noch abstöpseln. Die Tätigkeiten der meisten Praktikanten sind mehr als begrenzt. So war meine Standardantwort beim auf die Klingel laufen: "Ich sag Bescheid". In vielen Fällen konnte/durfte ich einfach nichts machen. Mal ein Pflaster aufkleben, Sprudel bringen, auf die Toilette/Bettpfanne setzen, das waren die Dinge, die zu meinen Routineaufgaben hinzukamen. Den bisherigen Höhepunkt meines Praktikums stellt das Aufwickeln eines Verbandes nach einer Zehenamputation an einem diabetischen Fuß dar, der mit Drainagen gespickt war. Dort konnte ich mir zum ersten Mal ein – wenn auch sehr begrenztes – Bild von der Arbeit der Ärzte machen.
Ich sah, wie der Schnitt verlief, an welchen Stellen die Schläuche ein- und austraten. Von den Ärzten bekomme ich im Krankenpflegepraktikum insgesamt reichlich wenig mit. Ich sehe sie beim Visitegehen, eventuell mal bei einem Verbandswechsel. Aber besonders auf meiner Station fielen die meisten eher durch Abwesenheit auf, da sie den größten Teil der Zeit im OP verbrachten. Aber um die Arbeit der Ärzte kennenzulernen, ist das Praktikum auch nicht da. Mit den Schwestern und Pflegern machte ich jedoch durchweg gute Erfahrungen. Jedem Patienten wird so schnell wie möglich geholfen und es wird fast jeder Wunsch erfüllt. Sie arbeiten ordentlich und verantwortungsbewusst, immerhin geht es um Menschenleben. Des Weiteren haben die Pflegekräfte wirklich ein großes Wissen bezüglich Krankheiten und Medikamenten, von dem auch einiges an mich weitergegeben wurde. Jede Frage, die ich stelle, wird ausführlich beantwortet. Wenn ich einmal nicht weiß, wie ich etwas zu machen habe, wird es mir eben gezeigt. Alles in allem kann ich sehr zufrieden sein mit meiner Station, ich lerne wirklich viel dort. Eine Erfahrung, die ich jedoch jeden Tag mache: Im Krankenhaus hat man wirklich einen ziemlich harten Job, egal ob als Pfleger oder als Arzt. Das Schichtsystem ist mit Spät- und Nachtdiensten sowie Wochenenddiensten nicht gerade ohne. Dazu kommen noch die Überstunden, die viele machen müssen, wenn mal jemand ausfällt.
Auch sind die acht Stunden Schicht sehr anstrengend: Es wird eigentlich nur gestanden und gelaufen, die Patienten müssen gehoben und gestützt werden, was ziemlich auf den Rücken gehen kann. Die Schicksale, denen man begegnet, erleichtern die Arbeit auch nicht gerade: Vollpflegefälle, die eigentlich nur noch gekommen sind, um zu sterben, oder Krebskranke, die gesagt bekommen, sie würden nur noch ein paar Monate leben. Das Praktikum bereitet bereits ein wenig auf die Belastung vor, die man als Arzt auszuhalten hat. Zusammenfassend kann ich aber sagen, dass ich viele, wenn nicht sogar alle Ängste, die ich vor dem Praktikum hatte, weitgehend verloren habe. Das meiste stellt sich als gar nicht so schlimm heraus, wie ich es mir vorgestellt hatte und mit guter Anleitung lerne ich die Abläufe recht schnell. Klar, ich stehe in der Krankenhaushierarchie ganz unten. Aber wenn du bemüht bist und guten Willen zeigst, wirst du gewiss nicht nur als Fußabtreter benutzt, sondern kannst recht schnell deinen eigenen Aufgaben nachgehen. Du kannst viele Erfahrungen aus diesem Praktikum mitnehmen, die dir nutzen können, vorausgesetzt, du lässt es zu, diese Erfahrungen zu machen. Wer mit einer komplett negativen Grundhaltung in dieses Praktikum geht und sich denkt: "Ach, das sind doch nur Schwestern, ich werde später Arzt", der wird wahrscheinlich absolut keinen Spaß an diesen drei Monaten finden. Ich habe noch zwei Monate vor mir und ich freue mich darauf.